Heiliger Vater Heiliger Vater | 17.09.2015

Kirche ohne Grenzen, Mutter aller


17.09.2015

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Migratio | 17.09.2015

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Mediencommuniqué | 17.09.2015

Wort der Schweizer Bischöfe

Kirche ohne Grenzen, Mutter aller

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Wort der Schweizer Bischöfe - 2015 (216,06 kB)


Liebe Brüder und Schwestern,

Im Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium äussert sich Papst Franziskus zu seinen Anliegen in verschiedenen Gebieten im Zusammenhang mit seiner pastoralen Verantwortung. Das letzte der vier Kapitel handelt von der «sozialen Dimension der Evangelisierung». Die Flamme, die in seinem Herzen brennt, zeigt sich hier. Eine Sorge, die von jeher sein Priesteramt begleitet hat, kommt hier zum Ausdruck: die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf die Armen zu richten ohne die neuen Formen der Armut, die unsere Gesellschaften hervorbringen, auszulassen. Im Herzen dieses Kapitels bekennt sich der Papst zum Thema des diesjährigen Welttags. «Die Migranten», sagt er, «stellen für mich eine besondere Herausforderung dar, weil ich Hirte einer Kirche ohne Grenzen bin, die sich als Mutter aller fühlt.»1

Eine Kirche ohne Grenzen

Alle Getauften sollten das Bewusstsein pflegen, einer Kirche ohne Grenzen anzugehören. Zumal es ein Effekt der Taufe ist, jedes neue Mitglied in den einzigartigen Leib der Kirche einzufügen. Der kirchliche Leib kennt keine anderen Grenzen als das Universum. Die Theologie beruft sich auf den Ausdruck «Katholik» um die Kirche Christi zu bezeichnen. Der Begriff der Grenze spricht eher von Schranken und Abgrenzungen. Wenn man die Grenze der Kirche an den Rand des Universums setzt, heisst das gerade, dass man ihr sämtliche Grenzen abspricht, dass sie «offen» sein soll. Unmittelbar nachdem er sich als Hirte einer Kirche ohne Grenzen beschrieben hat, setzt der Papst fort: «Darum rufe ich die Länder zu einer grossherzigen Öffnung auf …».2 Diese Öffnung ist ein Thema, das die christlichen Gemeinschaften seit dem Anfang ihrer Geschichte oft beschäftigt hat. Sehr früh sahen sich die ersten Christen damit konfrontiert, dass sie gegenüber den «Anderen», den «Fremden», den «Heiden» und den jüdisch verbliebenen Gemeinden Wahlen treffen mussten. Die Apostelgeschichte und die Briefe des heiligen Paulus erzählen von ihren Beratungen und 3

Entscheidungen. Ohne die zahlreichen im Lauf der Zeit erlebten Situationen zu erläutern ist es wichtig zu unterstreichen, dass die Öffnung dem Anderen gegenüber zu den Konstanten der Kirche, zu ihrem Geist gehört. Das Gegenteil definiert auf zu knappe, aber sehr typische Art die Sekte. Vom Status her gesehen befinden sich der Migrant und der Flüchtling «ausserhalb der Grenzen». In den meisten Fällen sind es die in ihrem Land vorherrschenden Bedingungen, die sie gezwungen haben, es zu verlassen. Ohne ihr Wissen sind sie uns aber eine Länge voraus und dienen uns als Vorbild, denn auch wir müssen unsere heimischen Territorien verlassen, um sie zu empfangen und ihnen Platz zu machen. «Scheut Euch nicht über den Zaun hinauszuschauen»3, hat ein anderer Prophet des Evangeliums bei seinem Besuch in der Schweiz gesagt. Aus der Heimat vom heiligen Niklaus von der Flüe wendete sich Papst Johannes Paul II. an uns Schweizer und lud uns ein, die Sorgen der anderen Völker mit zu tragen. Der Blick über die Grenzen mildert sie zwar, aber das ist nicht genug. Es geht darum, einen Schritt weiter zu gehen. Deshalb fügt Johannes Paul II. die Gebärde dazu: «Reicht über die Grenzen hinweg eine rettende Hand», eine mütterliche, von einem evangelischen Instinkt getriebene Geste.

Eine Kirche Mutter von allen

Welche Mutter würde Ihr Kind nicht schützen?4 Die Kirche ist Mutter, denn sie zeugt Söhne und Töchter und hat das instinktive Verlangen, sie zu schützen. «Die Mutter Kirche umfasst sie in liebender Sorge ...».5 Beim Lesen der christlichen Geschichte in unserem Land können wir die Inspiration finden, um unsere Aufmerksamkeit auf die Bedürfnisse jener zu richten, die auf der grossen, zu einem Dorf gewordenen Welt, «nicht dieselben materiellen und kulturellen Möglichkeiten haben».6 Eine Mutter will alle ihre Kinder in all ihren Teilen ernähren: Körper, Herz, Seele, Intelligenz, Geist. Die Gedanken des Papstes knüpfen an diese mütterliche, «ernährende» Dimension der Kirche an. Oft ist die Mutter die Seele des familiären Zusammenhalts. Wenn es uns Schweizern gewährt wurde, uns jenseits unserer Sprachen, Religionen, Kulturen mit unseren Unterschieden zu akzeptieren, «muss sich heute dieses Einander-Annehmen ausweiten auf Menschen ganz anderer Denk- und Lebensweise und vielleicht auch ganz anderer Religion, die […] Arbeit und Schutz suchen, indem sie […] ihre Dienste und ihre Menschlichkeit anbieten.»7 Wenn uns Papst Franziskus zu einer Öffnung einlädt, die er als grosszügig beschreibt, ist das ein wunderbares Echo zu den Worten von Johannes Paul II. und, in der selben Überzeugung, öffnet es uns Perspektiven zur gegenseitigen Bereicherung: «... ich bin Hirte einer Kirche ohne Grenzen, die sich als Mutter aller fühlt. Darum rufe ich die Länder zu einer grossherzigen Öffnung auf, die, anstatt die Zerstörung der eigenen Identität zu befürchten, fähig ist, neue kulturelle Synthesen zu schaffen.»8

Und wenn die Aussicht, unsere Grenzen ein wenig zu öffnen, damit der Migrant seinen Platz findet, als eigentliche Beantwortung einer evangeliumstreuen Einladung betrachtet würde: «Ich war fremd und Du hast mich aufgenommen»? Bestimmt würden wir damit durch eine andere Kultur bereichert; aber vor allem wären wir in unserem christlichen Glauben bereichert und tausend Mal bestätigt durch eine tatsächliche Begegnung mit Christus, der gesagt hat: «Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.»9 Und wenn die Migranten, ohne es wahrzunehmen, uns die Möglichkeit gäben, uns als wahre Christen zu benehmen?

 

+ Jean-Marie Lovey crb
Delegierter der Schweizer Bischofskonferenz
für Migration

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1 EG 210.
2 Id.
3 Johannes Paul II., Die Ansprachen der Schweizer Reise, Flüeli-Ranft, 14. Juni 1984.
4 siehe Jes 49, 15.
5 Lumen Gentium 14.
6 Johannes Paul II., id., Ansprache aus Anlass der Begegnung mit dem Bundesrat, 14. Juni 1984.
7 Johannes Paul II., Flüeli-Ranft, 14. Juni 1984.
8 EG 210.
9 Mt 25.