Mut zur Vielfalt

von Urs Köppel

Mut zur Vielfalt war eine Forderung, die Bischof Kurt Koch an einer Studientagung der migratio, der Kommission der Schweizer Bischofskonferenz für Migration, am 26. September 2001 in Bern erhob. Das Ziel der Tagung war das Gespräch um die Zukunft der Kirche «aus verschiedenen Nationen und Völkern», haben doch Mobilität und Migration in den letzten Jahrzehnten die Pfarreistrukturen stark verändert. Gegen ein Drittel der Katholiken in der Schweiz sind fremdsprachiger Herkunft. Sie werden von Seelsorgerinnen und Seelsorgern betreut, welche die Sprache, die religiöse Praxis und die Kultur ihrer Gläubigen kennen. Die Forderung nach engerer Einbettung der Seelsorgestellen für Fremdsprachige in die lokalen kirchlichen Strukturen ist unüberhörbar. Deshalb hat migratio zu dieser Studientagung eingeladen, an der gemeinsam Wege zum Aufbau einer Kirche, die sich aus verschiedenen Gemeinschaften zusammensetzt, überlegt wurden. 
 In seinem Grundsatzreferat unter dem Titel «Die Kirche ­ eine Gemeinschaft aus vielen Völkern» erörterte Bischof Koch die Bedeutung des Begriffs «communio», der heute immer wieder als ein Schlüsselwort in den Überlegungen zu einer gemeinsamen Pastoral verwendet wird. Er führte aus, dass sich die Beschreibung der Kirche als Communio vom Pfingstereignis her mit konkretem Inhalt füllt. Wenn der theologische und christologische Charakter der Communio-Wirklichkeit mit der ihr eigenen Universalität ernst genommen werde, erschliesse sich auch ihre sakramentale Dimension. In den christlichen Grundsakramenten von Taufe und Eucharistie seien Ortskirche und Universalkirche immer schon miteinander unlösbar verbunden. Sie gebe deshalb den Blick frei für die unverwechselbare theologische Verfassungsstruktur der Kirche. Bischof Koch bezeichnete die kirchliche Communio als «Ikone der Trinität». Diese trinitarische Communio sichtbar darzustellen und zu leben, sei die Grundberufung der Kirche. Ikone der Trinität könne die Kirche deshalb nur als Communio in der Einheit der einen Universalkirche und in der Unterschiedenheit und Vielheit der Ortskirche sein. Von der wechselseitigen Immanenz von Ortskirchen und Universalkirche her erschliesse sich auch die besondere kirchliche Sendung des Bischofsamtes, die darin bestehe, eine lebendige Kommunikationsbrücke zwischen Ortskirche und Universalkirche zu sein, und zwar in beiden Richtungen. Was der Bischof auf der regionalen Ebene der Kirche sei, repräsentiere auf der universalen Ebene der Papst. 
 Die kirchliche Gemeinschaft sei somit in erster Linie eine sakramentale Communio. In dieser Sakramentalität der Kirche, vor allem in den Sakramenten von Taufe und Eucharistie, sei auch ihre Universalität begründet und zugleich genährt. Von daher stellte Bischof Koch die Frage nach den Konsequenzen für das Zusammenleben von Pfarreien und Fremdsprachigenmissionen. Aus dem Pfingstbericht werde deutlich, dass die Kirche von ihrem Ursprung her und seit ihrem Anfang universal und damit eine Glaubensgemeinschaft mit katholischem Horizont sei. Die Universalität zeige sich darin, dass die Menschen zwar in allen Sprachen reden, aber ­ unter dem Wirken des Heiligen Geistes ­ einander dennoch verstehen. Damit werde die Sprachenvielfalt unter den Menschen nicht Ursache für Missverständnisse und Trennungen, sondern der Lebensgrund für gegenseitiges Verstehen und bereichernde Begegnung. In der Kirche zähle letztlich nicht die nationale Herkunft, sondern die gemeinsame Verbundenheit aufgrund der Taufe.
 An die Ausführungen von Bischof Koch schlossen Statements der vier Nationaldelegierten für die verschiedenen Sprachgruppen an:

  • Msgr. Antonio Spadacini, Italiener, stellte die Frage, ob die Priester heute eigentlich Manager oder Hirten seien und forderte die kirchlichen Verantwortlichen auf, eine Antwort zu geben auf die Frage, wie eine heilsame Zusammenarbeit auf allen Ebenen zwischen Missionen und Pfarreien verwirklicht werden könne, aus der immer beständigere Beziehungen wachsen, die nicht allein freundschaftlich, sondern wirklich geschwisterlich im Hinblick auf das gemeinsame Glaubenserbe sind.
  • P. Thomas Gonzalez, Spanier, wies darauf hin, dass die Seelsorger für die Fremdsprachigen in die Schweiz gekommen seien, um in und mit der Ortskirche zu arbeiten, aber mit einer spezifischen Aufgabe; deshalb schlug er die Errichtung von Personalpfarreien für die Fremdsprachigen vor.
  • P. Bartolo Pereira, Portugiese, stellte zunächst die Portugiesenmissionen, die allgemein zu wenig bekannt sind, vor, und machte deutlich, dass heute immer mehr Gläubige portugiesischer Sprache aus andern Ländern in die Schweiz kommen. Er regte an, den Dialog zwischen den verschiedenen Gruppen zu fördern, damit in Zukunft vermehrt die Gemeinschaft zwischen Menschen verschiedener Herkunft aufgebaut werden könne.
  • P. Karlo Lovric, Kroate, wies auf die verschiedenen Anforderungen hin, welche an die Seelsorgerinnen und Seelsorger der Missionen gestellt werden, die kaum alle erfüllt werden können; insbesondere sollten die Jugendlichen erfasst und betreut werden, indem auf ihre Anliegen eingegangen werde. Für die Priester wünschte er eine spirituelle Vertiefung durch Exerzitien oder Seminare.

Im anschliessenden Referat unter dem Titel «Pfarreien und Fremdsprachigenmissionen» ging der Pastoraltheologe Marc Donzé von der Feststellung aus, dass Pfarreien und Missionen Orte der religiösen Sozialisation seien, wobei überlegt werden müsse, wo die Migranten ihre religiöse Sozialisation finden. Die Missionen spielten eine wesentliche Rolle bei der Feier des Glaubens, bei der Kulturvermittlung und bei der Integration; die Pfarreien hingegen seien immer noch auf die Erfüllung der traditionellen Aufgaben ausgerichtet: Sonntägliche Gottesdienste, die Feier wesentlicher Momente im Leben, Katechese vor allem für Kinder und karitative Aufgaben in einem bestimmten Gebiet, wobei teilweise auch neue Formen der Pastoral angeboten werden. In einer Zeit der Individualisierung, der Vielfalt der Formen und der Erwartungen sei dies wohl ungenügend. Deshalb hätten weitere Orte der religiösen Sozialisation ihre Bedeutung und ihren Wert. Aus diesen Überlegungen heraus formulierte Marc Donzé folgende Thesen: Die unterschiedlichen Orte der religiösen Sozialisation haben ihren Platz in der Kirche, müssen untereinander aber aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur gleichen Kirche verbunden bleiben; es bedarf einer gerechten Aufteilung der Aufgaben zwischen Pfarreien und Missionen, im Wissen darum, dass keine die vollständige Aufgabe der Kirche wahrnehmen kann, sie aber in einer Zeit der Individualisierung und des religiösen Pluralismus eine wesentliche Rolle zu spielen hat. So könne sich die Kirche durch die Pfarreien, die Missionen und die religiösen Bewegungen selber Gelegenheiten schaffen, den religiösen, kulturellen und sozialen Bedürfnissen der Migrantinnen und Migranten zu begegnen, ihnen die Gelegenheit geben, sich religiös sozialisieren zu können.

Der promovierte Theologe Urs Köppel ist Nationaldirektor für Ausländerseelsorge und Generalsekretär der Kommission der Schweizer Bischofskonferenz für Migration «migratio».

migratio

Die Schwerpunkte der Fachstelle der Schweizer Bischofskonferenz für Migration sind:

Pastoraler Auftrag

Die Pastoralkommission prüft Fragen der Seelsorge und der Diakonie an katholischen Migranten und Migrantinnen und ihren Familien.

Administrative Aufgaben

Die Administrativkommission bearbeitet die finanziellen Erfordernisse für die Pastoral der Migranten und Migrantinnen.

Sozialethische Herausforderungen

Die Sozialkommission behandelt die sozialethischen, sozialpolitischen und rechtlichen Probleme bei der Betreuung der Migranten und Migrantinnen.