migratio Studie zur "anderssprachigen katholischen Medienlandschaft"

     

Medienlandschaft und Informationsflüsse der anderssprachigen Katholikinnen und Katholiken mit Migrationshintergrund in der Schweiz

      

Vergleichende Studie im Auftrag der Dienststelle migratio der Schweizer Bischofskonferenz 2009 / 2010 von Ann-Katrin Gässlein (Frauenfeld)  März 2010

Downloads

Vollständige Fassung (1.55 MB)


Zusammenfassung

Seit Jahrzehnten nutzen Katholikinnen und Katholiken in der Schweiz kirchliche und konfessionell geprägte Medien. Dabei hinterliessen soziale und politische Veränderungen, wie die bis heute andauernde Migration Tausender Katholikinnen und Katholiken in die Schweiz immer auch Spuren in der katholischen Medienlandschaft: Neben zahlreichen Pfarrblättern und anderen katholischen Fachzeitschriften entstand in den letzten 60 Jahren nahezu unbemerkt ein Markt anderssprachiger Zeitschriften, die mit einergeschätzten Auflage von 120'000 Exemplaren und einem diversifizierten Zielpublikum ein nicht zu unterschätzendes Gewicht ausmachen.

Die Untersuchung „Medienlandschaft und Informationsflüsse der anderssprachigen Katholikinnen und Katholiken mit Migrationshintergrund in der Schweiz“ wurde im Auftrag der Dienststelle der Schweizer Bischofskonferenz der Seelsorge für die Migranten und Menschen unterwegs migratio in Zusammenarbeit mit dem Verein WissensWert Religionen erstellt. Sie richtet das Augenmerk auf folgende Fragen:

 - Welche katholischen Medienangebote richten sich an anderssprachige Katholikinnen und Katholiken und wie unterscheiden sie sich voneinander?

 - Welche Informationsquellen und –flüsse nutzen die Redaktionsverantwortlichen dieser Medien und wie beurteilen sie die kirchlichen Angebote?

 - Welche Formen der Zusammenarbeit gibt es unter Medienschaffenden mit Angeboten für anderssprachige Katholikinnen und Katholiken?

In der Untersuchung werden die bislang noch nie erfassten anderssprachigen katholischen Zeitschriften mit deutschsprachigen Pfarrblättern verglichen, die sich von ihrem Selbstverständnis her allgemein an Katholikinnen und Katholiken unabhängig von ihrem sprachlichen und kulturellen Hintergrund richten. Eine Reihe von Redaktionsverantwortlichen gibt über Fragebögen in verschiedenen Sprachen Auskunft zum Profil ihrer Zeitschrift und ihrer Leserschaft, den Finanzstrukturen, den inhaltlichen Schwerpunkten, zum Informationsfluss und zur Zusammenarbeit mit anderen kirchlichen Institutionen. Daneben werden Ansichtsexemplare von anderssprachigen Zeitschriften hinzugezogen, die 2008 und 2009 der Dienststelle migratio zugestellt wurden. Während ein paar der deutschsprachigen Pfarrblätter in der Schweiz auf eine fast hundertjährige Geschichte zurückblicken können, entstanden die anderssprachigen Zeitschriften erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, parallel zur steigenden Einwanderung von Katholikinnen und Katholiken aus Italien, Spanien, Portugal, Kroatien und anderen Ländern. In fast allen Fällen werden sie von den Missionen (anderssprachigen Seelsorgeeinheiten) der jeweiligen Sprach- und Kulturgruppe herausgegeben. Die Redaktionsverantwortung obliegt fast überall dem Missionar, der gleichzeitig als Seelsorger tätig ist. Diese Form der Redaktionsorganisation führt zu einem unterschiedlichen Grad an Transparenz. Oft ist nicht klar, ob und wieviel Arbeitszeit des Missionars für die Gestaltung einer anderssprachigen Zeitschrift eingesetzt wird. Um die Produktionskosten der Zeitschrift zu decken, werben einige Blätter für Produkte und Dienstleistungen ausserhalb des kirchlichen Umfelds, während andere finanzielle Beiträge von der Kirche im Ausland oder von staatskirchenrechtlichen Instanzen in der Schweiz erhalten.

Häufig sind die redaktionsverantwortlichen Missionare die einzigen Personen mit regelmässigem Zugang zur Gruppe der anderssprachigen Katholikinnen und Katholiken. Ihren Publikationsorganen geben vor allem die italienischen Redaktionsverantwortlichen poetisch und theologisch besetzte Namen, die an das Zusammengehörigkeitsgefühl der Migrantinnen und Migranten appellieren. In ihren Zeitschriften werden Gottesdienstzeiten und –angebote publiziert, kirchliche Feiertage behandelt und die Lebenssituation des Leserkreises in verschiedenen Formen aufgegriffen, indem neben thematischen Schwerpunkten zu Migration und Integration auch Statistiken, Konsulats- und Botschaftsadressen veröffentlicht werden. Anderssprachige Zeitschriften erhalten Informationen tendenziell mehr aus dem Ausland als von Schweizer Institutionen, sind international über Nachrichtenagenturen und Websites vernetzt und nutzen mehrsprachige Informationskanäle der Weltkirche. Einzelne offizielle Beiträge von Seiten der Schweizer Bistumsleitung werden mitunter auch auf deutsch publiziert, während andere für die Schweizer Kirche relevante Themen wie lokale Ökumene zwischen Katholiken und Reformierten oder das staatskirchenrechtliche System zumindest in den untersuchten Exemplaren unbeachtet blieben.

Deutschsprachige Pfarrblätter hingegen sind in allen Fällen, die an der Untersuchung beteiligt waren, über das System der Kirchensteuer finanziert und richten sich daher prinzipiell an alle Angehörigen der katholischen Kirche im Verbreitungsgebiet. Von einer Landeskirche oder einem Verein herausgegeben verfügen die Pfarrblätter über Statuten und überantworten die redaktionelle Gestaltung in zunehmendem Masse journalistischen Fachkräften. Pflichtenheft und Stellenprozente der redaktionell tätigen Personen bei einem Pfarrblatt sind transparenter als bei anderssprachigen Zeitschriften. Berührungspunkte zwischen Institutionen, die in der Anderssprachigenseelsorge engagiert sind, und den Medienschaffenden in der Schweizer Kirche gibt es kaum. Gemeinsam gestaltete Websites oder publizistische Projekte, an welche anderssprachige Katholikinnen und Katholiken einbezogen sind, stellen Ausnahmen dar. In den deutschsprachigen Pfarrblättern kommen Anderssprachige fast nur als Adressaten vor. Texte in anderen Sprachen werden fast immer von den Missionaren verfasst, welche die seelsorgerliche Leitung über die anderssprachige Mission im Verbreitungsgebiet ausüben Dieses Modell der Zusammenarbeit funktioniert in einigen Pfarrblattredaktionen gut, in anderen stösst es zunehmend an Grenzen. Zum einen werden die Beiträge als wenig transparent beurteilt und in ihrer journalistischen Qualität in Frage gestellt. Zum anderen ist aber auch in vielen Pfarrblattredaktionen Ratlosigkeit und Hilflosigkeit spürbar,
verbunden mit dem Wunsch, an der Situation etwas ändern zu wollen und Anderssprachigen „mehr Platz einzuräumen“.

Zuletzt werden auf der Grundlage der Untersuchung Vorschläge geprüft, welche die Dienststelle migratio unternehmen kann, um die Medienpräsenz anderssprachiger Katholikinnen und Katholiken zu fördern und ihre Mediennutzung zu verbessern. Als wichtigstes Angebot beurteilten die Verantwortlichen in anderssprachigen Zeitschriften und deutschsprachigen Pfarrblättern die Lieferung von Artikeln zum Thema Migranten und Migration. Daneben soll migratio verstärkt Kontakte zu kirchlichen und säkularen Medien pflegen, kompetente Interviewpartner vermitteln, anderssprachige Personen in der Medienarbeit coachen und diese mit den kirchlichen Medien der Schweiz vernetzen. Als weitere Empfehlungen spricht sich die Untersuchung für weitergehende Forschungen im Bereich der katholischen Migration und ihrer Medienangebote aus, da dieses Feld bislang marginalisiert worden ist. Eine regelmässige Bestandsaufnahme und Erfassung der Printmedien gehört ebenso dazu wie aussagekräftige Statistiken über den Anteil von Katholikinnen und Katholiken bei den Ausländerzahlen in der Schweiz und Untersuchungen im Bereich der Mediennutzung bei katholischen Migranten. Wie die Untersuchung zeigt, hält migratio eine Drehscheibenfunktion zwischen anderssprachigen Katholikinnen und Katholiken und Institutionen der Schweizer Kirche inne. Daher soll migratio die Perspektiven und Interessen von katholischen Migrantinnen und Migranten in weit stärkerem Masse einbringen: in den säkularen Medien, aber insbesondere auch in der Kirche, wo staatskirchenrechtliche Instanzen und kirchliche Vereine auf die Bedeutung und Bedürfnisse anderssprachiger Katholikinnen und Katholiken sensibilisiert werden können. Im Sinne einer Förderung der Medienvielfalt innerhalb der katholischen Kirche kann die Unterstützung von anderssprachigen Zeitschriften vor allem durch Vernetzung der Redaktionsverantwortlichen in Betracht gezogen werden. Zuletzt empfiehlt die Untersuchung, Journalistinnen und Journalisten mit Migrationshintergrund gezielt zu fördern, damit ihre Perspektive auch in den Medien der Schweizer Kirche stärker zum Ausdruck kommt.