SBK-CES-CVS Schweizer Bischofskonferenz | 05.09.2012

Wort der Schweizer Bischöfe

„Gemeinsam den Glauben entdecken und feiern“

Liebe Schwestern und Brüder

 Immer mehr Leute mit einem ausländischen Pass leben in der Schweiz. Momentan sind es gegen 23 %. Dazu kommen noch die Zugewanderten, die bereits einen Schweizer Pass erworben haben. Sie bringen viel Leben und Arbeitskraft in die Schweiz. Es gibt auch Leute, welche diese Entwicklung mit Sorge beobachten. Daher ist es wichtig, dass sich Schweizer und Anderssprachige in guter und offener Weise begegnen. Dazu lädt die katholische Kirche am Sonntag der Völker herzlich ein, dieses Jahr am 11. November 2012.

Papst Benedikt XVI. hat zum Welttag der Migranten und Flüchtlinge 2012 eine Botschaft geschrieben mit dem Titel „Migration und Neuevangelisierung“. Die Neuevangeli-sierung ist ein grosses Anliegen unserer letzten Päpste. Darum hat Papst Benedikt XVI. am 11. Okt. 2012, auf den Tag genau 50 Jahre nach der Eröffnung des 2. Vatikanischen Konzils durch Papst Johannes XXIII., gegen 300 Bischöfe aus aller Welt zu einer Bischofssynode nach Rom gerufen, um über die Neuevangelisierung zu beraten. Am gleichen Tag beginnt auf Wunsch von Papst Benedikt XVI. einJahr des Glaubens.Es soll helfen, dass unser eigener Glaube lebendiger wird. Auch dazu können uns Anderssprachige und Migranten wertvolle Anregungen und Hilfen geben.

    

1. Warum ein Jahr des Glaubens?

Wir heissen Christen, weil wir zu Christus gehören. Die wichtigste Aufgabe der Christen und der Kirche ist, das Evangelium Christi zu leben und zu verbreiten. „Evangelium“ heisst „Frohbotschaft“. Das Evangelium bringt uns das Leben, die Freude und die Hoffnung, die Jesus Christus in diese Welt gebracht hat. Da muss sich jeder Christ und die ganze Kirche immer wieder fragen: Lebe ich denn diese Freude, die Christus uns bringen möchte? Lebe ich mit einer Hoffnung? Oder sind wir Christen schwach und müde geworden in der Freude und in der Hoffnung? Ist bei uns nur noch wenig Glauben und Vertrauen zu spüren?

Es scheint, dass manche Christen nur wenig Kontakt mit dem Leben spendenden Gott pflegen - dass sie sich zu wenig mit Christus beschäftigen, dessen Namen sie tragen. Sie hören nicht regelmässig sein Wort in den Evangelien und erfahren selten seine Hingabe und Liebe in der Eucharistie. Viele nennen sich immer noch Christen, doch sie scheinen nicht viel von der Kraft und der Freude des Evangeliums aufgenommen zu haben. Sie müssen Jesus Christus und seine Freundschaft neu entdecken. Dazu möchte uns das Jahr des Glaubens ermuntern.

 

2. Helfen uns die Anderssprachigen und Migranten in unserem Glauben?

Die zahlreichen Zugewanderten können unserem Land viel bringen. Sie bringen nicht nur Unruhe und Spannungen. Sie bringen uns neue Arbeitskräfte, sie bringen uns viel Menschlichkeit und Fröhlichkeit. Sie bringen auch ihren Glauben mit.

Muslime, die regelmässig zu Gott beten und ihr Leben vom Koran inspirieren lassen, können für uns Christen eine grosse Herausforderung sein. Sie zeigen uns, wie selbstverständlich der Glaube zu unserem täglichen Leben gehören kann.

Die anderssprachigen Missionen in der katholischen Kirche können eine willkommene Bereicherung sein. Wir freuen uns darüber, wie in diesen anderssprachigen katholischen Gemeinschaften viele junge Katholiken, viele junge Familien mit Kindern frohe Gottesdienste feiern. Für viele ist es selbstverständlich, dass sie am Sonntag an einem Gottesdienst teilnehmen, wie das für alle Katholiken in der weiten Welt vorgesehen und vorgeschrieben ist. In manchen Kirchen der Schweiz müssen wir heute das Fehlen der Kinder und jungen Leute beklagen. Manche müssen sich beinahe „entschuldigen“, wenn sie am Sonntag in einen Gottesdienst gehen. Da können wir doch von manchen anderssprachigen Mitbürgern – von Muslimen wie von Christen – lernen, dass Gott unsere Beachtung, unsere Dankbarkeit und unser Lob verdient, egal ob wir zum Beten „aufgelegt“ sind oder nicht. Auch Leute, die nicht „fromm“ sein wollen, können Gott ihre Dankbarkeit und Freude ausdrücken.

Ansässige und Zugewanderte können nicht nur im alltäglichen Zusammenleben und Zusammenarbeiten einander viel geben, sondern auch in ihrem Glauben. Der „Sonntag der Völker“ lädt uns ein, über unsere verschiedenen Weisen des Christseins auszutauschen. Das christliche Leben ist noch nie einförmig gewesen. Seit Beginn der Kirche können wir bei den Christen eine legitime Vielfalt beobachten, in der die Einzelnen den anderen nicht nur viel geben, sondern von anderen auch empfangen können. Wenn gewisse Zugezogene den Einheimischen manchmal vorwerfen, sie seien zu wenig gläubig und sie würden zu wenig die Gottesdienste besuchen, könnten solche Zugezogene auch entdecken, wie viele Schweizer sich bemühen, ihren christlichen Glauben im Alltag zu leben: in ihrer Rücksichtnahme auf die Mitmenschen, in der Ehrlichkeit, Gerechtigkeit und Solidarität, im Bemühen um Frieden unter den verschiedenartigen Menschen.

Gewiss, wir alle müssen noch wachsen in der Menschlichkeit und im Christsein. Die Liebe zu Gott und die Liebe zu den Mitmenschen gehören unbedingt zusammen. Wir dürfen nicht bloss das eine oder das andere anstreben. Wir Menschen brauchen einander, um weiter zu kommen. Viele Gespräche und viel Austausch sind notwendig. Der Sonntag der Völker möchte uns dazu einladen.

 

+ Martin Gächter, Weihbischof von Basel

Beauftragter der Schweizer Bischöfe für die
Anderssprachigen