SBK-CES-CVS Schweizer Bischofskonferenz | 01.06.2011

Wort der Schweizer Bischöfe

„Eine einzige Menschenfamilie“

Die neue Darstellung der Schweizer Geschichte im Landesmuseum Zürich beginnt mit dem Titel: „Niemand war schon immer da“. Viele Personen, die in der Schweiz Grosses geleistet haben, werden uns als eingewanderte Ausländer vorgestellt, zum Beispiel Julius Maggi, Henri Nestlé, Nicolas Hayek, Charles Brown, Walter Boveri und viele andere. Auch heute leisten zugewanderte Ausländer Grosses in der Schweiz: unser Wohlergehen und unser Frieden wären ohne sie nicht möglich. Die Ausländer verdienen es, in unserem Land freundlich aufgenommen und gerecht behandelt zu werden.

Zum Welttag 2011 des Migranten und Flüchtlings hat Papst Benedikt XVI. eine Botschaft geschrieben, die den Titel trägt „Eine einzige Menschheitsfamilie“. Er erinnert alle Menschen daran, dass sie zusammen eine einzige Familie bilden, auch wenn sie aus verschiedenen Ländern, Sprachen, Kulturen und Lebenssituationen kommen. Christus möchte sie alle als Brüder und Schwestern annehmen. Fremde sollen in der Kirche besonders gut aufgenommen werden. Das gilt für Asylsuchende und Flüchtlinge, das gilt auch für die zahlreichen Ausländer und Anderssprachigen, die bei uns in der Schweiz  leben und arbeiten. 22 Prozent unserer Schweizer Bevölkerung sind Ausländer. Wenn man noch die vielen dazu zählt, die schon in der Schweiz eingebürgert wurden, kann man bei einem Drittel unserer Schweizer Bevölkerung einen Migrationshintergrund feststellen.

Wenn wir den Ausländern helfen, dass sie sich bei uns wohl fühlen und integrieren können, kann diese Integration nie bedeuten, dass sich die Ausländer in allem den Schweizern anpassen sollen. Immer behalten sie einen Teil ihrer alten Heimat in sich, selbst wenn sie Vieles von unserer Sprache und Lebensweise annehmen. „Integration“ kann nie eine völlige Anpassung an unsere Lebensweise, bedeuten. Eine solche Assimilation kann kaum gelingen und wäre auch eine Verarmung. Vielmehr bedeutet Integration ein gegenseitiges Nehmen und Geben: Die Migranten können von uns viel bekommen – sie können uns aber auch viel geben. Daher kann unser Zusammenleben mit ihnen für uns und für sie eine grosse Bereicherung sein, vor der wir uns nicht zu fürchten brauchen. Vielmehr besteht eine grosse Chance unseres Landes darin, dass Alt-Eingesessene mit Neuzugezogenen zusammenkommen, wodurch eine wertvolle gegenseitige Inspiration entstehen kann.

In der Schweiz gibt es in der katholischen Kirche seit Jahrzehnten zahlreiche anderssprachige Gemeinschaften, in denen sich die Katholiken italienischer, spanischer, portugiesischer, kroatischer, albanesischer Sprache und anderer Sprachen zusammenfinden. Sie schätzen es sehr, ihren Glauben in ihrer Muttersprache zu leben und zu feiern. Diese anderssprachigen katholischen Gemeinden helfen vielen Ausländern, bei uns eine Heimat zu finden. Es sind für sie wertvolle Orte des Erfahrungsaustausches, die ihnen auch helfen, sich in unserem Lande wohl zu fühlen und zu integrieren. Diese Missionen wollen bei uns keine ausländische Ghettos bilden, sondern Hilfen zur Integration in unser Land und in unsere gemeinsame katholische Kirche sein. Viele Missionen und Seelsorger kennen ihre wichtige Brückenfunktion und schaffen wertvolle Verbindungen zwischen den Zugezogenen und den Ansässigen.

Die Missionen der Spanischsprechenden leisten  schon im eigenen Kreis einen grossen Beitrag zur Integration. In ihnen treffen sich Katholiken aus über 20 Nationen: aus Spanien und aus vielen lateinamerikanischen Ländern. Da wird bei uns in der Schweiz eine Integration zwischen  verschiedenen Völkern gefördert, die sich in der Weltpolitik nicht immer gut verstehen.

In der Schweiz werden Stimmen laut, die sich am Nebeneinander der anderssprachigen Missionen und der Schweizer Pfarreien stören. Einige plädieren gar für eine Abschaffung der anderssprachigen Missionen. Alle Ausländer sollen in unsere Schweizer Pfarreien kommen, weil wir ja zusammen eine einzige Familie bilden. Doch unsere katholische Kirche ist nie uniform gewesen. Sie war und ist immer vielfältig. Am Anfang der Kirche, am ersten Pfingstfest, sind Menschen aus verschiedenen Sprachen und Nationen zusammengekommen. Durch die Kraft des Heiligen Geistes haben sie sich in ihrer Verschiedenheit wunderbar verstanden (vgl. Apostelgeschichte 2,1-13). So soll auch heute unsere katholische Kirche der Schweiz vielsprachig sein und Katholiken aus aller Welt in einer einzigen Familie vereinen. Das bedeutet, dass wir auch weiterhin bei uns Gottesdienste und Seelsorge in den verschiedenen Sprachen erhalten müssen. Wir danken allen Schweizern, welche die Anderssprachigen in ihrer Eigenart verstehen und fördern. Wir danken allen, die sich um den regen Austausch zwischen den vielen Sprachgruppen bemühen und daran arbeiten, dass aus dem Nebeneinander in unserer Kirche immer mehr ein Miteinander wird, ein Miteinander, das die Vielfalt der Sprachen und Kulturen nicht unterdrückt, sondern zu einer bereichernden Einheit zusammenbringt. Dazu lernen die Anderssprachigen und ihre Missionare auch unsere Landessprachen, damit auch gemeinsam Gottesdienste gefeiert werden können.

Die Schweizer Bischöfe danken allen Pfarreien, die ihre Kirche auch anderssprachigen Katholiken für Gottesdienste und ihre Pfarreiheime für Begegnungen zur Verfügung stellen. Um das Miteinander der Anderssprachigen mit den Schweizern zu fördern, ist es notwendig, dass Ausländer im Verhältnis zu ihrer grossen Anzahl auch in unsere Pfarreiräte und in die Finanzbehörden unserer Kirchgemeinden gewählt werden. Auch diese Gremien leisten einen wichtigen Beitrag zur Förderung der Vielfalt und der Zusammenarbeit in unserer gemeinsamen Kirche. Auch ist zu wünschen, dass am Sonntag der Völker neben den Zugewanderten auch viele Schweizer teilnehmen. Bei unseren persönlichen Begegnungen und an gemeinsamen Anlässen können wir erleben, wie die vielen Ausländer in unserem Land weniger eine Bedrohung, sondern eine Bereicherung sein können. Jeder von uns muss mitwirken, dass wir zusammen eine einzige Menschheitsfamilie werden.

+ Martin Gächter, Weihbischof

Beauftragter der Schweizer Bischöfe für Migrantenseelsorge