SBK-CES-CVS Schweizer Bischofskonferenz | 14.11.2010

Wort der Schweizer Bischöfe

„Junge Migranten – ein Plus für das Leben der Kirche“

Als Bischof darf ich jede Woche in einer anderen Pfarrei Gottesdienste feiern. Dabei fällt mir auf, dass es unter den Ministranten viele Ausländer gibt. Auch wenn sie in der Schweiz geboren sind und unseren Dialekt sprechen, kann man sie an der Hautfarbe und an den Augenformen leicht als Migranten erkennen. Die Sakristane sagen mir, dass sie sich auf diese Ministranten verlassen können. Sie kommen mit grosser Zuverlässigkeit, wenn sie für einen Ministrantendienst vorgesehen sind. Da erlauben sich manche Schweizer Ministranten mehr Freiheiten – oder weniger freundlich gesagt: sie schwänzen mehr! Das passt schlecht zu der weltweit berühmten schweizerischen Zuverlässigkeit.

Ich bekomme den Eindruck, dass viele ausländische Kinder und Jugendliche freudiger und selbstverständlicher am kirchlichen Leben teilnehmen als junge Schweizer. Es fällt ja auf, wie immer weniger Schweizer Jugendliche am Gottesdienst teilnehmen. Ich habe von ihnen schon gehört, dass sie von Kameraden in Frage gestellt werden, wenn sie am Sonntag in die Kirche gehen. Da scheint in den letzten Jahrzehnten eine grosse Wende eingetreten zu sein: Wenn man früher sich dafür entschuldigte, wenn man am Sonntag nicht am Gottesdienst teilnahm, muss man sich heute beinahe dafür rechtfertigen und „entschuldigen“, wenn man in die Kirche geht!

In der deutschsprachigen Schweiz, aber auch in andern Ländern Nordeuropas, ist heute oft ein „anti-römischer Affekt“ zu beobachten. Damit ist ein grundsätzliches Misstrauen gemeint, das Katholiken und andere Christen gegenüber „Rom“, dem Papst und Vatikan entgegenbringen. Auch wenn wir in der katholischen Kirche – wie im Staat und in der Öffentlichkeit – allen Autoritäten gegenüber kritisch eingestellt sein dürfen und müssen, bezeichnet man mit dem „antirömischen Affekt“ ein grund­sätzliches Vorurteil, dass von „Rom“ und vom Papst nur wenig Gutes kommen könne. Diesen „antirömischen Affekt“ kennen italienische und andere fremdsprachige Ju­gendliche nicht. Übrigens auch nicht die Schweizer, die dem Papst – z. B. an den Weltjugendtreffen – schon persönlich begegnet sind oder die im Internet nachlesen, was der Papst wirklich sagt und tut. Oft müssen wir feststellen, wie manche Medien die Papstworte nicht genau wiedergeben, sondern eher zu einem „antirömischen Af­fekt“ tendieren.

Interessante Begegnungen mit jungen Katholiken aus aller Welt bieten die Weltjugendtage, zu denen auf Einladung des Papstes Hunderttausende von Jugendlichen aus allen Kontinenten zusammenkommen. Ich selber durfte dies seit 1993 in Denver, Manila, Paris, Rom, Toronto, Köln und Sydney miterleben. Da kommen viele Jugendliche und Bischöfe nicht nur mit dem Papst zusammen, sondern vor allem untereinander. Da wird rege ausgetauscht über alle Lebensprobleme: Frieden, Gerechtigkeit, Hunger, Arbeit und Arbeitslosigkeit, Möglichkeiten zur Bildung und Entwicklung. In Paris wurden wir Schweizer von jungen Afrikanern gefragt, warum wir immer so ernst und sorgenvoll dreinschauen. Die Afrikaner meinten, wir hätten in der Schweiz doch Frieden und Wohlstand. Sie erzählten von ihrer Not in Afrika: Mangel an Schulen, an Ärzten und Spitälern, Mangel an sauberem Wasser, an Arbeit, an Gleichberechtigung für die Frauen. Dazu kommt noch die schlimme Seuche von Aids, die beinahe in jeder Familie Tote, Waisen- und Strassenkinder zurücklässt. Warum die Afrikaner dennoch immer so fröhlich sein können und auch auf der Strasse trommeln und tanzen, wollten die Schweizer wissen. „Solange wir leben, singen und tanzen wir!“ war die Antwort der jungen Afrikaner. Eine Antwort, die imponiert.

Oft erzählen uns Jugendliche aus Lateinamerika oder Afrika, wie in ihrer Heimat die katholische Kirche ein grösseres Ansehen geniesst als der Staat. Wenn wir erstaunt zurückfragen, warum – denn bei uns geniesst der demokratische Staat mehr Ansehen als die traditionsreichen Kirchen, bekommen wir die Antwort: Bei uns versprechen die Politiker vor den Wahlen viel und können nach den Wahlen nur wenig verwirklichen. Die Kirche dagegen kennt keine Wahlen und verspricht wenig, tut aber viel für die Menschen, besonders für die Ärmsten. Sie setzt sich auch für irdische Bedürfnisse ein wie Nahrung, Wasser, Schulen, Spitäler, für Hilfen an alten Menschen, Waisenkindern, Aidskranken. Die Kirche steht ein für Gerechtigkeit und Frieden.

So ist es eine Bereicherung, solchen Jugendliche aus anderen Ländern und Kontinenten zu begegnen. Wir können verstehen, warum Papst Johannes Paul II. immer wieder sagen konnte, dass die Jugendlichen die Hoffnung in der Kirche seien. Gilt das nicht auch, wenn wir an die vielen jugendlichen Migranten bei uns in der Schweiz denken? Oft machen sie nicht nur im Pfarrei- und Kirchenleben aktiv mit. Auch in der Schule kann man erleben, wie sie fleissig arbeiten und die Schulzeit gut ausnützen. Sie möchten etwas werden. Auch können wir beobachten, dass die anderssprachigen Missionen bei uns grössere und lebendigere Jugendgruppen haben als manche Schweizer Pfarreien. Viele jugendliche Secondos, die in der Schweiz geboren und aufgewachsen sind, fühlen sich in einer Jugendgruppe ihrer anderssprachigen Mission wohler als in einer Schweizer Pfarrei. Das müssen wir auch bedenken, wenn wir über die Zukunft der anderssprachigen Missionen in der Schweiz nachdenken.

Schön an unserer Kirche ist, dass sie wirklich „katholisch“ ist, d.h. offen für alle Menschen und für die ganze Welt. Schon bei der „Geburtsstunde“ unserer Kirche an Pfingsten in Jerusalem wurde sichtbar, dass unsere Kirche Menschen aus allen Ländern und Sprachen zusammenführt. Es ist schön, dass auch in der Schweiz viele Katholiken aus andern Ländern in unserer Kirche mitwirken. Besonders bei jugendlichen Migranten können wir feststellen, dass sie ein Plus für unsere Kirche sind.

+ Martin Gächter, Weihbischof

Delegierter der SBK für Migranten

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